CHALDäISCHE KIRCHE

CHALDäISCHE KIRCHE

Ritus:

ostsyrisch

Liturgiesprache:

syrisch – Chaldäisch

Kalender:

gregorianisch

Gläubige:

ca. 600.000, davon mehr als 250.000 in den USA und 50.000 in Australien

Titel des Ersthierarchen:

Patriarch von Babylon der Chaldäer

Sitz:

Bagdad (Irak)

Diözesen:

22 (Erz-)Diözesen, davon 10 im Irak, 3 im Iran, je 6 weitere im Nahen Osten, 2 in den USA und 1 in Australien

e-mail:

http://www.st-adday.com/

Als am 28. Februar 2008 der Chaldäisch-Katholische Erzbischof der nord-irakischen Stadt Mossul, Paulos Faraj Rahho, beim Verlassen einer Kirche in Mossul von bewaffneten Männern überfallen und verschleppt wurde, wobei drei seiner Begleiter erschossen wurden, und er selbst einige Tage später tot aufgefunden wurde, wurde wohl zum ersten Mal die breite Weltöffentlichkeit mit der äußerst prekären Lage der christlichen Minderheit im Irak konfrontiert, die zu einem großen Teil der Chaldäischen Kirche angehört. Seit 2003 bis heute ist die Geschichte der Chaldäischen Christen im Irak die von Verfolgung, Verschleppung und Vertreibung, bis hin zu immer wieder stattfindenden tödlichen Anschlägen. Viele Chaldäer sehen daher ihr Heil nur noch in der Flucht und in der Auswanderung in die westliche Welt. Es hat ein Exodus eingesetzt, der die jahrhundertlange christliche Präsenz im Irak, welche die Geschichte und Geschicke des Zweistromlandes so fruchtbar mitgeprägt hat, zu beenden droht. – Leider lehrt ein Blick in die Geschichte dieser Kirche, dass sie fast andauernd blutigen Verfolgungen ausgeliefert war und mehrmals vor ihrer drohenden völligen Vernichtung stand. Hier teilt sie unterschiedslos das Schicksal ihrer etwa gleichgroßen Mutterkirche, der Apostolischen Kirche des Ostens, von der sie sich erst im 16. Jahrhundert abgespalten hat.  

Intensivere Kontakte zwischen dem ostsyrischen Christentum und der Römischen Kirche entwickelten sich im 13. Jahrhundert, als Franziskaner und Dominikaner in das Zweistromland als Missionare vordrangen. Durch den Untergang des Kalifats von Bagdad (1258) blickten auch die ostsyrischen Christen verstärkt gen Westen. So kam es zur Aufnahme der Communio einiger Bischöfe der Apostolischen Kirche des Ostens mit dem Römischen Stuhl, jedoch nicht zu einer dauerhaften Union. Zu einer ersten formalen Union kam es erstmals 1340, als die auf Zypern lebenden Assyrer sich in einer Union Rom anschlossen; diese hielt jedoch nicht lange. 1445, auf dem Unionskonzil von Ferrara-Florenz, wurde diese Union zwar erneuert, zerbrach aber abermals nach nur fünf Jahren. Bei dem Unionsabschluss von 1445 tauchte erstmals auch der bis heutige gebräuchliche Terminus Chaldäer für die mit Rom in vollständiger Kirchengemeinschaft stehenden assyrischen Christen auf.

Zu einer die Geschichte überdauernden Union kam es erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Ihr gingen Konflikte innerhalb der Apostolischen Kirche des Ostens voraus. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich nämlich in ihr die erbliche Patriarchen-Sukzession etabliert: Die Patriarchenwürde ging jeweils vom Onkel auf den Neffen über. Unzufrieden über den Status quo wählten 1552 drei Bischöfe der Apostolischen Kirche des Ostens den Mönch Yuhannan Sulaqa zum Gegenpatriarchen. Unterstützt durch die Franziskaner reiste dieser nach Rom, wo ihn Papst Julius III. am 9. April als Shimon VIII. zum Patriarchen der Chaldäer konsekrierte. Er kehrte daraufhin in seine Heimat zurück und bemühte sich um Reformen in seiner Kirche, was 1555 zur Hinrichtung durch seine Gegner führte.

Die folgenden 250 Jahre waren von ständigen Spannungen zwischen der Apostolischen Kirche des Ostens und ihrer mit Rom verbundenen chaldäischen Gegenhierarchie geprägt. Der Chaldäische Patriarch musste mehrfach seinen Sitz verlegen, es kam zu mehreren Konversionen zwischen den beiden Kirchen und immer wieder kündigte die Chaldäische Kirche sogar für einige Zeit die Communio mit Rom auf, um sie später wieder zu erneuern. Eine Stabilisierung der Lage erfolgte ab 1830: Papst Pius VIII. bestätigte in diesem Jahr das Chaldäische Patriarchat, dessen Sitz nun nach Mossul verlegt wurde. Aufgrund der politischen Unruhen im Nordirak wanderte dieser jedoch 1950 in die irakische Hauptstadt, nach Bagdad, wo er sich bis heute befindet.

Während und nach dem Ersten Weltkrieg teilten die chaldäischen Christen dasselbe Leidensschicksal wie die Mitbrüder und –schwestern ihrer Mutterkirche, der Apostolischen Kirche des Ostens: Sie wurden von Kurden und Türken systematisch verfolgt und ermordet, da sie der Kollaboration mit den Briten verdächtigt wurden. 70.000 Chaldäer verloren in diesen Pogromen ihr Leben.

Vereint durch diese gemeinsame Leidensgeschichte und ihre jahrhundertealte verbindende, spezifisch ostsyrische Kirchen- und Liturgietradition ist das ökumenische Miteinander der Apostolischen Kirche des Ostens und der Chaldäischen Kirche sehr eng, freundschaftlich und äußerst tragfähig geworden. Besonders in der Diaspora in der westlichen Welt arbeiten die beiden Kirche in der Pastoral und Seelsorge eng zusammen. Seit 2001 gibt es zwischen den beiden Kirchen sogar eine offizielle Sakramentengemeinschaft, die den Gläubigen der einen Kirche den Sakramentenempfang in der jeweils anderen Kirche von höchster kirchlicher Stelle erlaubt hat, wenn dieser in der eigenen Kirche aufgrund räumlicher Entfernungen nicht ohne weiteres möglich ist.

Nikodemus C. Schnabel OSB

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